Selektivverträge als unterstützende Komponente der Risikominimierung

Die demographische Entwicklung, der medizinische Fortschritt sowie die Tatsache, dass immer weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftige eine immer größer werdende Gruppe von Rentnern mitversorgen müssen, sind der Grund für immer wieder neue Gesundheitsreformen, die allerdings im wesentlichen immer nur wieder an den gleichen Stellschrauben drehen. Diese wurden als Finanzierungsproblem gleich zu Anfang dieser Arbeit identifiziert und näher erläutert. Healthcare-Futures könnten nun eine Risikoabsicherung ermöglichen, mit denen die Beteiligten des Gesundheitswesen nicht nur unvorhergesehene Kosten in den Griff bekommen können, sondern gleichzeitig auch Geld aus anderen Bereichen in den öffentlichen Haushalt einbringen würden. Dieses für deutsche Verhältnisse neue Finanzierungsmodell kann nun gleichzeitig auch als verbindende Basis für die Leistungserbringer und Krankenkassen dienen, um durch eine engere Zusammenarbeit Risiken noch weiter zu minimieren.

 

Eine effektive Minimierung des Risikos kann, wie wir gesehen haben, über FHCF erfolgen, die als Basiswert die durch Gesundheitsleistungen verursachte Kosten in Form eines Index verwenden. Vom Prinzip her kann es aber auch über CHCF erfolgen, die als Basiswert nun nicht die verursachten Kosten von Gesundheitsdienstleistungen heranziehen sondern diese Leistungen selbst. Die Idee geht hierbei von dem ursprünglichen Prinzip des Warentermingeschäfts aus und soll daher auch Kontraktspezifikationen eines „Commodity-Futures" aufweisen. Bei dem Produkt, welches als Basiswert eines CHCF gehandelt werden kann, soll es um genau definierte Gesundheitsdienstleistungen für weitgehend homogene Patientengruppen mit einer definierten Anzahl an Prozeduren gehen, die bis zu einem bestimmten Termin zu einem definierten Preis zwischen den Leistungserbringern und den Krankenkassen verhandelt werden. Im Unterschied zu den Gesundheitsdienstleistungen der oben beschriebenen FHCF soll nun der Wert für diese Gesundheitsleistungen nicht feststehen, sondern sich entwickeln. Dies entspricht auch eher dem ursprünglichen Gedanken der Warentermingeschäfte, bei denen genau diese Preisunsicherheiten, die auf einem freien Markt entstehen, abgesichert werden sollen. Wie das grundlegende Prinzip der CHCF mit handelbaren Leistungspaketen aussehen könnte, wurde am Beispiel des Herzinfarktes erläutert. 

Damit hatten wir das Prinzip eines CHCF definiert: Commodity Healthcare – Futures stellen Vereinbarungen in standardisierter Form dar, in denen die Qualität, definiert durch bestehende Leitlinien der Fachgesellschaften, die Quantität anhand der genau vorgegebenen Prozeduren sowie das Datum und der Ort einer in Zukunft zu liefernden Gesundheitsdienstleistung definiert sind. Um dieses Konzept umsetzen zu können, müssen Leistungserbringer und Krankenkassen zusammenarbeiten. Durch standardisierte Verträge zwischen den beiden Parteien kann eine deutlich bessere Anpassung der Patienten- bzw. Versichertengruppen an die allgemeine Morbiditätsstruktur erfolgen und somit durch eine solche Zusammenarbeit, zukünftige Risiken genauer abgeschätzt und mit einem gegenläufigen Geschäft auf dem Terminkontraktmarkt besser abgesichert werden. Die folgende Abbildung verdeutlicht noch einmal, dass sich über diese Verträge sowohl die Körperschaften des öffentlichen Rechts als auch die Leistungserbringer gemeinsam als Hedger gegenüber Spekulanten positionieren. 

Erste Ansätze einer solchen Zusammenarbeit gibt es schon. Zu nennen an dieser Stelle sind die Selektivverträge, welche einzelne Hausarztnetze mit den Krankenkassen unter Umgehung des Kollektivsystems der kassenärztlichen Vereinigung schon jetzt eingehen. Dieses Modell stellt in erster Hinsicht die Gesundheit als Produkt eines Wertschöpfungsnetzwerkes dar, in dem der Patient im Mittelpunkt steht und versucht aufgrund des komplexen Entscheidungsprozesses, an welchem die verschiedenen Beteiligten des Gesundheitswesens beteiligt sind, den Schwerpunkt auf eine Steigerung der Effizienz zu legen. In anderen Wirtschaftszweigen ist dies ein schon längst anerkanntes und umgesetztes Konzept. Das hierbei angesprochene Supply-Chain-Management stellt einen strategischen und unternehmensweiten Ansatz mit dem Ziel dar, den gesamten Prozess von der Herstellung bis zum Verbrauch durch den endgültigen Kunden zu beeinflussen. Das wesentliche Ziel dabei ist die kontinuierliche Verringerung der „Total Ownership Costs (TCO)". In Bezug auf das Produkt „Gesundheit" umfasst dies alle Dienstleistungen, die sich um präventive Maßnahmen, Diagnostik und Therapie sowie um Nachsorge bzw. Rehabilitation und Pflege kümmern. Da dieser Prozess mittlerweile einen Komplexitätsgrad erreicht hat, den die verschiedenen Beteiligten im Gesundheitswesen im Einzelnen nicht mehr überblicken können, ist es wichtig, diesen Supply-Chain-Prozess durch standardisierte Verträge zu optimieren, um eigene Risiken weiter minimieren zu können. Hierbei vereinbaren die Parteien ein gemeinsames Ziel in der Zukunft, welches sie mit Hilfe verbindlicher Regelungen zu erreichen suchen. Dies bedeutet allerdings auch, dass aufgrund der teilweisen unterschiedlichen Motivationen zunächst verschiedene Interessenskonflikte gelöst werden müssen. Unter ökonomischen Aspekten muss das Ziel von jedem Beteiligten dieser Kette sein, seinen eigenen Profit zu optimieren, wobei dies wiederum durch die Entscheidungsprozesse der anderen Teilnehmer direkt oder indirekt beeinflusst werden kann. Für die Körperschaften des öffentlichen Rechts, die ja keine Gewinnabsicht verfolgen, bedeutet eine „Erlösoptimierung" dann eine Entlastung der Beitragszahler. Eine Lösung könnte in der Konzeption von Verträgen bestehen, an die sich alle Beteiligten verbindlich zu halten haben. Ein den unterschiedlichen Bedingungen angepasster und von den Vertragsparteien umgesetzter Vertrag steigert die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Parteien, die sich dann auch in einer gesteigerten Wettbewerbsfähigkeit und Profitabilität niederschlagen wird. Dies betrifft dann auch die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der zugehörigen Segmente des Supply-Chain-Managements. Um als Teilnehmer in diesem dynamischen und komplexen Prozess erfolgreich sein zu können, sollten die Vertragspartner lernen, wie man Entscheidungen trifft, die auf neuen Erkenntnissen, Informationen und Erfahrungen basiert. Eine falsche Entscheidung wird zusätzliche Risiken und einen negativen Einfluss auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zur Folge haben. Die Abhängigkeit der Leistungserbringer im Gesundheitswesen von nicht beeinflussbaren externen Faktoren, sowie die Bedeutung der Qualität der ärztlichen Behandlung und die Sicherheit des Patienten führen ja schon zu einem hohen Maß an Unsicherheit bei Gesundheitsdienstleistungen, welches durch falsche Entscheidungen nicht noch weiter erhöht werden sollte.